Interessanter Bericht, aber ein paar Punkte sollte man nicht unkommentiert stehen lassen.
Erstens zum Begriff "Open Source": Der wird hier — wie leider üblich — als Einheitsbegriff für alles verwendet, was irgendwie nicht proprietär riecht. Qwen (Alibaba) und Gemma (Google) sind Open Weight — die Gewichte sind verfügbar, aber Trainingsdaten, Trainingscode und die genauen RLHF-Entscheidungen bleiben im Dunkeln. Das ist ein erheblicher Unterschied, der gerade für den beworbenen Souveränitätsanspruch relevant ist. Und "GPT-120B OSS von OpenAI" — kann mir jemand sagen, welches Modell das konkret sein soll? OpenAI hat unter diesem Namen nichts veröffentlicht. Wäre schön gewesen, wenn das hinterfragt worden wäre.
Zweitens: Eustella selbst ist kein Open Source. Die Plattform, das Backend, die Agentenlogik — kein öffentliches Repository, kein einsehbarer Code. Was Open Source ist, sind ausschließlich die verwendeten Modelle. Das ist konzeptuell nicht weit von einem gehosteten Open WebUI entfernt — mit dem Unterschied, dass Open WebUI tatsächlich quelloffen ist und man es selbst betreiben kann.
Drittens, und das ist der Punkt der mich am meisten beschäftigt: EU-Hosting löst das Datenschutzproblem, aber nicht das Qualitäts- und Verlässlichkeitsproblem. Qwen-Modelle haben dokumentierte blinde Flecken zu politisch sensiblen Themen — und das äußert sich nicht immer als Verweigerung, sondern manchmal als konfident vorgetragene Falschantwort. Für jemanden, der einen Pen-&-Paper-Abend plant, irrelevant. Für eine Anwaltskanzlei, die das als "sichere" Alternative evaluiert, ist das eine trügerische Sicherheit: Die Daten bleiben in Europa, aber die Antworten kommen aus Modellen, deren Trainingsentscheidungen in Peking oder Mountain View gefallen sind.
Datensouveränität und Antwortqualität sind zwei orthogonale Dimensionen. Eustella löst eine davon — und das ist nicht nichts. Aber beides in einen Topf zu werfen und als vollständige Alternative zu verkaufen, greift zu kurz.